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„Fidelio“ steht – 14 Jahre nach der „Zauberflöte“, 16 Jahre vor dem „Freischütz“, am Beginn des (deutschen) Musikdramas. Teils noch Singspiel, teils schon „Rettungsoper“, rührt sie uns so an weil Beethoven seine Mitmenschen erschüttern wollte und bis zur Ekstase hin reichende Gefühle komponiert hat; die so stark sind wie sein Credo zu Glauben und Liebe.

Was für eine Musik! Peter Schneider dirigiert sie mit hinreißendem Elan. Er achtet darauf, dass uns ihr WILLE, Beethovens Überzeugung, all das Erleben und Erleiden in einer Direktheit und Klarheit erreicht – wie der Komponist es wollte. Aber auch die Freude, die ohne jeden Nebengedanken oder Zweifel ist!

Auffällig häufig verwendet Beethoven G-Dur, um dieses Gefühl auszudrücken: im Quartett Nr. 3 („Mir ist so wunderbar“), bei der „namenlosen Freude“ (Duett Nr. 15) und auch an der Stelle, als Leonore durch Rocco erfährt, dass sie noch heute in den Kerker mit hinab kommen darf und darauf in „O welch ein Glück! O welche Wonne!“ ausbricht. G-Dur hat „das Kreuz des Fühlens“ (H. Beckh, Die Sprache der Tonart, S. 165), die Tonart ist in ihrem höchsten Sinne Ausdruck „heilender Liebeskraft“ (167). Doch Beethoven hat ebenso das musikalische Vokabular für Rachsucht, Gewalttätigkeit und tobender Wut. Pizarros d-moll-Arie ist gespickt mit Intervallsprüngen und Spitzentöne im ff, das Orchester zeichnet mit aufgeregten Streicher-tremoli, schrillen Akkorden von Flöte, Oboen und Fagotte, mit heimtückisch schleifenden Trillern und wilden Läufe der Violinen Rachsucht und Zerrissenheit. Was man mit einem hämmernden sforzato (harte Halbe und Viertel bei „ihm noch ins Ohr zu schrein“) anrichten kann, ist geradezu dämonisch. An diesem Abend übernahm das Wiener Staatsopernorchester in großartiger Weise alles, was Albert Dohmen fehlen ließ: Durchschlagkraft im ff und Dämonie. Ganz anders, und stimmlich bestens disponiert, sang und spielte Lars Woldt Rocco nicht als gutmütigen Vater, sondern gab ihm viele Facetten. Er blieb aber immer ein Getriebener. Interessant, dass an mehreren Stellen des Libretto gesagt wird, die Tätigkeit im Gefängnis verändere den Charakter. Er sei durch den Dienst „von kaltem Blute“ geworden, glaubt Pizarro. Aber das stimmt nicht. Er hat sein Herz bewahrt. Trotzdem begleitet ihn die Angst bis ins Finale, wo sein Blick zwischen Minister und Pizarro unstet hin und her geht.

Wenn ich mich frage, bei welchem Sänger die großen Gefühle am besten stimmlich und darstellerisch nachempfunden und auf der Bühne für die Zuschauer vergegenwärtigt worden sind, heißt meine erste Antwort Marzelline, meine zweite Leonore. Die Stimme der 25jährigen Valentina Nafornita (RD) blüht von dem Moment an auf, in dem sie den Namen des Geliebten nennt: „Fidelio!“ Sie hat Anmut, ist der Lichtblick in der düsteren Gefängnis-Welt, ihre Stimme ist mühelos leicht in den Höhen und doch schon klangstark genug für ein zauberhaftes Quartett und Terzett (O habe Mut! ) – da schafft sie auch das ad libitum geschriebene hohe C.

Ricarda Merbeth (RD) hat eine Stimme, die hell jubelnd und behutsam zärtlich klingen kann, mit großem Umfang und schöne Koloraturen. Der „leuchtende Farbenbogen“ aus dem Rezitativ (Nr.9) leuchtet wirklich! Die Sängerin mag mir verzeihen, dass ich dann im E-Dur-Teil der Arie mehr und mehr der Faszination von 3 Hörnern und einem Fagott (der Szenenapplaus galt auch ihnen!) erlegen bin. Wofür stehen sie? Für die Stärke, Kraft, Überzeugung dieser Frau? Ich denke, auch für ihre Zärtlichkeit.

Mag sein, dass sich Frau Merbeth aus Rücksicht auf Florestan im Finale der Kerkerszene ( O namenlose Freude!) sogar etwas zurückhielt. Allerbarmen, Florestan! Vielleicht hätte Endrik Wottrich sich ansagen lassen sollen. In der 1. Vorstellung war Lance Ryan noch für ihn eingesprungen, nun lag um so mehr Druck auf ihm. Sehr viel Anstrengung war hörbar, vieles klang gepresst, das himmlische Reich hat er mehr herbeigerufen als gesungen. Dank Peter Schneider hielt er achtbar durch. Nicht nur in solchen Situationen, aber dann erst recht, kann man sich die ungetrübte Freude aus dem Orchestergraben holen, zum Beispiel von der dolce Oboe, die den visionär abhebenden Engel in Florestans Arie so genau zeichnet. Oder – natürlich – von der Ouvertüre „Leonora“ Nr. 3 op. 72b!

Vor dem Schlussbild (Nr. 16 – Finale) ist sie dank Gustav Mahler dramaturgisch höchst wirksam als Rückblende und zur Steigerung der Spannung platziert. Durch die absteigende Tonskala werden wir von lichten Höhen in dunkle Tiefen geführt, an den Ort der Vision von Befreiung und Freiheit. Wir hören von „des Lebens Frühlingstagen“ vom „Engel Leonore“ und – vor der Reprise - das Trompeten-Signal aus der Kerkerszene und mit weichen, lang ausgehaltenen Bläserklängen ein Zitat aus dem Quartett „Ach, du bist gerettet“. Wenn Peter Schneider dann im Presto-Schlussteil den Einsatz für die Violinkaskaden gibt und sich die wirbelnden Läufe der nacheinander einsetzenden Streicher geradezu überschlagen, spätestens dann hebe ich ab! Der Klang ballt sich noch einmal im Forte Fortissimo letzter Radikalität – die Leonore III ist längst „nicht mehr eine Ouvertüre, sondern das gewaltigste Drama selbst“ (Richard Wagner). Dann entfesselt dahin stürmender Jubel – und wie eine Antwort klingt erst der Jubel aus dem Zuschauerraum - und dann von der Bühne! „O Gott, welch ein Augenblick“, wenn Leonore ihrem Mann die Ketten abnimmt (die Oboe erinnert wieder an den Engel). Dieser Moment des Innehaltens steigert den finalen Triumph um so mehr. Denn wenn Florestans Handfesseln zu Boden knallen, brechen Orchester und Chor im fortissimo in strahlendes C-Dur aus! Diese Freude ist ebenso willensstark wie maßlos, jedenfalls ungebremste, ehrlichste Empfindung, überwältigende komponiert, überwältigend dirigiert, gespielt und gesungen. Praeludium aeternitatis – hier wird die Freude über die Erfüllung einer schon nicht mehr irdischen Hoffnung vorweggenommen. Und das in Otto Schenks Inszenierung, die ein irdisches Meisterstück ist und bleibt!

Zur Freude an diesem Abend beigetragen haben Norbert Ernst (RD) als Jaquino, der sich längst für größere Aufgaben empfiehlt und Markus Eiche als Minister, eine noble Erscheinung mit ebensolchen Kantilenen. Ein Vorhang für den Staatsopernchor mit Dritan Luca und Ion Tibrea (1./2. Gefangener) wäre angemessen gewesen.