Dein stärkster Muskel ist dein Wille! Seit Wochen wird in Erfurt mit diesem Satz großflächig geworben, Sie können sich denken, wofür. Ich muss aber an „Salome“ denken. Der Satz ist die perfekte Werbung für diese Oper. Ihr Sog entsteht ja nicht zuletzt durch die Willenskraft der Protagonistin. Niemandem ist es gegeben, das Geschehen anders zu lenken oder zu lösen. Es gibt kein Entrinnen. Die Musik lädt sich immer stärker auf, überwältigt, bannt. Entsprechend war von Anfang an die Konzentration und Anspannung im Zuschauerraum.

Maestro Peter Schneider, der nicht nur ein intensives Gefühl für Strauss’ musikalische Struktur und Architektur, sondern erst recht für dessen musikalische Dramaturgie hat, lässt „Salome“ in atemberaubender Weise Klang werden. Er versteht es wie nur wenige andere, die Vorzüge dieses Orchesters zur Geltung zu bringen. Sein Dirigat ist von einer Klasse, die ihresgleichen sucht. Mit einem Wort: grandios!

Das Staatsopernorchester spielte transparent, durchhörbar, mit voller Konzentration und Lust am Klang. Es kommentiert und interpretiert jede Textnuance; jede Note wird zum Träger einer Aussage, ob sie Unheil oder Verführung, Leidenschaft oder Vernichtungswille heißt. Strauss hat viel mehr komponiert als Oscar Wilde mit Worten zum Ausdruck brachte.

Salomes Wille zur Vernichtung des Propheten (Motiv: „Ich will den Kopf…“) hat es in sich. An der Stelle, an der es zum ersten Mal im Orchester auftaucht, bringt sich Narraboth um. Bei Jochanaans Fluch erklingt es wieder. Auch im Zwischenspiel nach dem Verschließen der Zisterne ist es im Orchester zu hören. Doch der „Kopf“ steht gleichzeitig für den Kuss! Sie muss Jochanaan töten, um ihn lieben zu können – das Orchester weiß das sehr früh. Es deutet sogar den Kuss voraus – am Ende des Tanzes, durch einen Triller (dreigestrichenes a und b). Salome soll lt. Regieanweisung des Komponisten hier einen Augenblick in visionärer Haltung an der Zisterne verweilen. Es lässt Jochanaan wieder lebendig werden, wenn Salome am Ende des finalen Monologes singt „Ich weiß es wohl, du hättest mich geliebt“. Jetzt steht sein Motiv in Cis-Dur, kontrapunktiert von Salomes wilder, ungebändigter Tonfolge aus den ersten Takten der Oper. Beider Vereinigung, das ist die Utopie. Besonders an dieser Stelle hat die Musik unmittelbar analytische Tiefe.

 Große Kunst trägt immer auch das Moment der Überforderung in sich, hat etwas an die Existenz Greifendes, dem man sich stellen muss. Was ab Ziffer 357 Klang wird (die dreimal eingesetzte Orgel „zieht“ geradezu in die Steigerung hinein), ist für mich Salomes rauschhafter Durchbruch (Cis-Dur) in eine andere musikalische Welt, es wirkt wie eine Befreiung, jedenfalls Entgrenzung. Sie erlebt in „trunkenem“ Taumel die Erfüllung, erlebt höchste Lust und tiefstes Leid. Ihr Untergang ist zugleich Übergang. Schönster Moment: als sich Frau Nylunds Stimme von der großen Steigerung über das Orchester hinweg tragen ließ. Wolfgang Krebs („Der Wille zum Rausch“, München 1991) deutet diese Stelle als das Kommen des Gottes Dionysos, der Leben und Vernichtung in sich eint. Je öfter ich „Salome“ höre, desto überzeugter bin ich von dieser Auffassung. Und ich fühle mich dem Dirigenten Peter Schneider zu großem Dank verpflichtet, dass er es mich im Verein mit dem wunderbaren Orchester jedes Mal noch intensiver miterleben lässt.

 Camilla Nylund ist besonders für ihre Willenskraft zu danken, an diesem Abend trotz beginnender Atemwegserkrankung zu singen. Ihre Ausdruckskraft ist im Vergleich zu 2011 (Serien im Januar und Oktober) gewachsen. Ihre Stimme verliert nie ihren Wohlklang, den Glanz und die Wärme. Geradezu dämonisch hämmert sie es Herodes ein „Ich will den Kopf…“.. James Rutherford (RD) hat noch nicht das Stimm-Format, das Strauss für den Propheten komponiert hat. Er klang oft matt und tremolierte bei großem Krafteinsatz. Mir fehlten einige baritonale Farben. Gerhard A. Siegel(Herodes) ist sowohl stimmlich als auch darstellerisch eine optimale Besetzung. Mit seinem kraftvollen Charaktertenor gestaltet er jeden Satz musikalisch punktgenau und zeichnet so ein faszinierend schillerndes Charakterbild des Tetrarchen, in einem Moment süffisant-werbend, im nächsten Moment zeigt er eine sich in wenigen Takten geradezu ins Pathologische steigernde Furcht, wimmernd, bettelnd, ohnmächtig – das ist ganz großes Können. Rollendeckend die Herodias von Michaela Schuster (RD) mit zupackendem Mezzo. Sie gibt die Angetrunkene, die von Herodes einfach nicht in den Griff zu bekommen ist. Carlos Osuna (RD) hat noch zu wenig metallischen Glanz für den Narraboth. Das Judenquintett (leider kann man ihm nie applaudieren) gestalten Herwig Pecoraro, Jinxu Xiahou (RD), Benedikt Kobel, Wolfgang Igor Derntl und Walter Fink als Kabinettstück par excellence, das sicher läuft. Punktuell karikiert bes. Pecoraro ( das „er war der Letzte“ plärrend) ganz köstlich. 1. und 2. Nazarener Janusz Monarcha und Nikolay Borchev(RD) waren leider schwach, gut hingegen 1.und 2. Soldat Alfred Šramek und Il Hong(RD), Jens Musger (Cappadocier), Juliette Mars (Page) und Roland Winkler(Sklave) komplettieren das Ensemble.

Im Vergleich zu den Vorjahren wurde bei dieser Serie vom Ensemble deutlich mehr agiert, auch in den kleinen Rollen. Das Publikum bedankte sich mit einem überdurchschnittlich langen Applaus.