Nicht nur die Länge des Applauses, auch das Echo der Printmedien hat im Vergleich zu September 2011 und November 2012 abgenommen. Ohne Grund – es sei denn, in Wien ist das Besondere nichts besonderes mehr. Erwartungsvoll zwar die Atmosphäre in der Staatsoper, aber auch unkonzentriert. Wollte man (nur) Plácido Domingo hören und nicht das Drama verstehen müssen? Die Oper ist keine „leichte Kost“, hier aber sehr gut, fast filmisch inszeniert (Peter Stein). Das Sujet ist komplex, voller Verstrickung von politischer Intrige und Familientragödie.

Aber vieles wirkt kammerspielartig, optisch durch Raumverkleinerung (Wände, Vorhänge – die rot glühen wie die Gefühle Liebe und Eifersucht) unterstrichen. Das fokussiert in idealer Weise. Kein falsches Pathos, sondern Natürlichkeit, ehrliches Gefühl bewirken wieder und wieder Gänsehaut.

Auf ohrwurmträchtige Bravourarien wartet man hier vergebens, auch für Boccanegra gibt es keine. Die Arienformen sind aufgebrochen, es sind eher Ariosi (musikalisch angereicherte Rezitative), Duette und Terzette, die die Oper prägen und das Drama um Simone ausdrücken. Es ist Placido Domingos 3. „Simone“-Serie in Wien (Sept. 2011, Nov. 2012), seinen ersten Boccanegra hat er in Berlin (Okt./Nov. 2009) gesungen. Beeindruckend sind nicht nur seine nach wie vor seine bestens präsente wohlklingende Stimme mit dem typischen Timbre, sondern auch seine Energie, sein Charisma. Natürlich wird er auch getragen von den Erwartungen des Publikums. Er steht im Zentrum – das unterstreicht Stefan Mayers genial gestalteter Boden im Dogenpalast (2. Akt) – eine Iris, auf die strahlenförmig alles zuläuft.

Simone – das sind viele Rollen: der unglücklich Liebende (Prolog), der liebende Vater, das Staatsoberhaupt (1. Akt), der sich nach der Heimat („Il Mare!“) sehnende einstige Korsar (2. Akt), Mann des Friedens und der Versöhnung – Domingo durchlebt jede dieser Rollen, ist authentisch, wahrhaftig, ehrlich. Dieser Wechsel von Ahnen, Hoffen, Zweifeln, schließlich Gewisswerden in der Erkennungsszene ist das stärkste Beispiel dafür.

Musikalisch gibt es vieles zu entdecken. Beispielsweise die Wut Fiescos im Prolog, der der Debutant Michele Pertusi nur wenig entsprechen konnte. Fiesco ist auf Augenhöhe zu Simone komponiert, und die schauspielerischen Anforderungen dieser Rolle sind hier ebenso hoch wie die stimmlichen. Er machte es einem schwer, zu glauben, dass ihm ein Höllenfeuer in der Brust brennt (Prolog-Ende). War Pertusi dem Weltstar Domingo gegenüber gehemmt? Verständlich wäre es. Überzeugend gelang ihm die Szene mit Gabriele.

Auch tonale Landschaftsmalerei, bei Verdi so häufig nicht, ist in dieser Oper zu hören. Das Vorspiel zum Prolog lässt vor dem inneren Auge das nächtliche Genua entstehen. Mehrfach sind Meer und Seewind („O refrigerio, la marina brezza“) zu hören. Selbst die Wirkung des Giftes machen die Streicher hörbar. Wie Verdi aber das Grauen des Fluches instrumental zeichnet, (tutti tremolo, von ff nach ppp), das geht unweigerlich unter die Haut.

Maija Kovalevska gelang mit ihrer ersten Verdi-Partie überhaupt (sie hat die Amelia vorher nur einmal in Riga konzertant gesungen) ein gutes Rollendebut. Mädchenhaft und wunderschön setzt sie glaubhaft den von Verdi komponierten Charakter um. Ihr dramatischer Sopran hat seine Weichheit bewahrt, ein schönes Timbre, klare Höhen ohne Schärfe, und wie ihr Gabriele – eine gute Pianokultur. Roberto De Biasio (D) bewältigt die Rolle gut. In höheren Lagen ist die Stimme noch nicht ganz stabil, was aber auch der Anspannung geschuldet sein kann.

Die Sterbeszene ist wie ein Brennglas. Es ist, als rase alles dem Ende entgegen. Kaum begreift Fiesco, wer Maria ist, da überstürzen sich Ereignisse und Emotionen. Was in Fiesco vorgeht, was in Maria beim Segen (berührendes Cello-Solo), das ist wie im Zeitraffer zu erleben und verlangt hohe darstellerische Intensität von den Protagonisten. Nach Boccanegras verlöschendem „Maria“ (ppp) verbleiben nur noch 21 Takte, in denen Fiesco den neuen Dogen ausruft und das Volk von Genua (der Chor agierte durchweg sehr gut) zu Glockenschlägen vom aufgebahrten Boccanegra Abschied nimmt.

Paolo, der die Handlung vorantreibt, ist mit Marco Carias robuster Stimme rollendeckend besetzt. Eher zurückgenommen Dan Paul Dumitrescu (Pietro), Carlos Osuna (Hauptmann) und Simina Ivan (Dienerin).

Evelino Pidò ist ein „Teamplayer“, der ebenso souverän wie sängerfreundlich dirigiert. Den samtweichen Klang des Staatsopernorchesters habe ich bewusst genossen.

Nach 15 min Applaus blieb nur noch der ganz harte Kern der Fans zurück. DAS wundert wohl nur diejenigen, die zu diesem Abend von weit hergekommen sind (?).