Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jes 50,10)

Wer möchte nicht gern der dunklen, trüben Jahreszeit entfliehen? Die wenigsten können es tatsächlich. So sorgen wir wenigstens in unserem Umfeld dafür, dass es heller und freundlicher wird. Wir zünden Lichter und Kerzen an und erwärmen uns zugleich an deren Schein – zu Hause in unseren Wohnungen oder am Haus und in unseren Gärten. Alles wird hell erleuchtet, damit es freundlich aufstrahlt. Viele strömen dorthin, wo die Menschen zusammenkommen, um sich im Lichterglanz, der die Dunkelheit durchbricht, und sich im weihnachtlichen Flair auf die Freude einzustimmen, die sie mit dem Weihnachtfest verbinden.

Vielleicht wird jedoch auf diese Weise auch eine Angst überdeckt, die tief in uns sitzt. Angst vor den Dunkelheiten in unserer Seele und in unserem Leben. Vielleicht auch die Angst davor, dass es in unserer Gesellschaft und in der Welt auch finsterer wird und solche Finsternis uns zu Boden drücken und die Luft zum Atmen nehmen kann.

Im Monat November mit seinen kurzen Tagen, seiner düsteren Stimmung durch das Zurückziehen der Natur in den Winterschlaf werden wir unserer Vergänglichkeit in besonderem Maße bewusst. Häufiger als sonst kommen uns Bilder und Situationen vor Augen über die Brüchigkeit unseres Lebens und das Leid, das wir in solchen Zeiten ertragen müssen. Es gibt eben in unserem Leben nicht nur Sonnenschein, sondern auch Abschnitte, die uns schier verzweifeln lassen. Beispielsweise der Verlust eines geliebten Menschen oder gar der Tod des eigenen Kindes, eine schwere Krankheit, das Auseinanderbrechen der Familie, die Verarmung und Vereinsamung im Alter. Es sind Ereignisse, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Das ganze Leben wird auf einmal infrage gestellt. Alle Gewissheiten und Hoffnungen sind dahin. Bitterkeit kommt auf. Trostlos sind die Tage und werden zur Qual. Kein Licht am Ende des Tunnels.
Gerade in solchen Zeiten suchen wir nach Erklärungen. Es lässt sich das leidvolle Schicksal ja leichter ertragen, wenn wir eine Erklärung dafür haben und Zusammenhänge erkennen von Ursache und Wirkung. Dann könnte man sogar etwas dagegen tun. Doch es gibt Leid, für das es überhaupt gar keine Erklärung gibt, wo wir auf unsere Warum-Fragen keine Antworten finden und unser Nachforschen an einer undurchdringlichen Wand endet. Wir werfen unser Warum Gott entgegen. Er aber scheint zu schweigen. Mancher hat deswegen seinen Glauben an ihn verloren, erwartet nichts mehr von ihm und will von ihm nichts mehr wissen.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Monatsspruch) Jesus sagte das seinen Jüngern, als er ihnen vor Augen führte, dass es für die, die bei ihm bleiben und ihm nachfolgen, unter Umständen lebensgefährlich werden kann. Seine Verkündigung vom Reich Gottes, von seiner Liebe und von seinem Willen, ist der Welt, in der es doch so ganz anders zugeht, ein Dorn im Auge. Jesus wurde deswegen angefeindet. Er wusste, er wird deswegen leiden und auch sterben. Seinen Jüngern kündigte er das an und verschwieg ihnen nicht, dass es auch ihnen so ergehen könnte, wenn sie bei ihm bleiben und ihm nachfolgen.
Ihm nachfolgen heißt immer, ihm zu vertrauen und Gottes Willen treu zu bleiben. Das aber wird in dieser Welt nicht konfliktfrei bleiben. Es kann sein, dass die, die ihm treu bleiben, ebenfalls ihr Kreuz auf sich zu nehmen haben und sogar damit rechnen müssen, ihr Leben auch zu verlieren.

In der Übersetzung der Lutherbibel von 2017 lautet der Wochenspruch: Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. (Tobit 4,8)

Bei diesen Worten fiel mir ein Erlebnis ein, das ich vor mehr als 10 Jahren hatte. Eines Tages klingelte an meiner Pfarrhaustür ein Mann, der um Geld bat – ein Bettler also. Pfarrhäuser werden von ihnen immer gern angesteuert. Er wollte Geld. Ich bot ihm eine Essensmahlzeit und auch einen Gaststättenbesuch an. Er lehnte ab. Er brauche Geld. Ich fragte, für was. Er antwortete, das sei doch egal, er brauche es eben. Ich bot ihm Fahrgeld an. Er lehnte wiederum ab. Er brauche kein Fahrgeld und zeigte dabei auf sein Mofa, mit dem er offensichtlich gekommen war. Nach längerer Diskussion poltere er ziemlich aggressiv gegen mich los: „Ich habe ein Recht darauf, dass ich das Geld bekomme, das ich brauche.“ Das verschlug mir für einen Moment die Sprache. Ich erkannte ja keine Bedürftigkeit bei ihm, nur diese unverschämte und durch nichts gerechtfertigte Forderung.

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Ein Auftrag Jesu an seine Jünger. Ein Auftrag seines göttlichen Vaters. Er verkündete das nahende Reich Gottes, weil Gott sich mit dieser Welt nicht abfinden will – mit ihrer Verlorenheit. Er liebt sie und will sie deshalb heil machen. In seinem Reich sind Leiden, Krankheit, Tod und Schuld überwunden. Das will er für die Menschen. Das war der Kern der Verkündigung Jesu.

Verkündigen heißt in unserem Zusammenhang, in Vollmacht eines Sendenden ein Ereignis ausrufen, proklamieren durch einen Abgesandten, einen Herold. Der Herold doziert nicht oder pflegt eine Konversation über das Ereignis. Sondern er kündigt das Ereignis an, ruft es aus. Und indem er es tut, beginnt es tatsächlich anzubrechen. So ist auch die Verkündigung des Reiches Gottes zu verstehen. Mit der Verkündigung beginnt es anzubrechen – das Herrsein Gottes über die ganze Schöpfung, das wir Menschen ihm schon immer streitig machen. Gott richtet aus Liebe zu uns Menschen auf diese Weise seine Herrschaft selbst auf, ergreift Besitz und eben damit das Heil für uns – nicht mit Gewalt, sondern eben durchs Wort, was die Möglichkeit einräumt, sein Herrsein auch abzulehnen. Wir können uns das Ganze etwa so vorstellen, wie wenn einer, der ein unbekanntes Land betritt – bei Gott gibt es allerdings kein unbekanntes Land -, seine Flagge hisst und es dadurch als sein Eigentum kenntlich macht und das Seine darauf tut.