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Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen. Dieser Spruch drückt die Lebenshaltung vieler Menschen, nicht nur von Christen aus. Sich für andere, Schwache, Benachteiligte einzusetzen, ist eine allgemein menschliche Haltung – nicht bei jedem, aber eben doch bei allen, denen die Würde eines Menschen viel bedeutet.

Nun, der Spruch gehört zu einer Spruchsammlung innerhalb der biblischen Weisheitsliteratur. Die Sammler hatten allgemein gültige und einsichtige Wahrheiten sowie alltägliches Erfahrungswissen ihrer bekannten Umwelt zu Fragen eines gelingenden Lebens und volkstümliche Lebensgrundsätze zusammengetragen und diese weisheitlichen Denksprüche schließlich unlösbar mit Gott in Verbindung gebracht. Ihr Ziel war es, dass sich die Menschen in eine an Gerechtigkeit und Weisheit orientierte Lebenshaltung mit der Bindung an Gott als den Ursprungsgrund aller Weisheit einüben. Der Mensch als Sünder vor Gott ist nur selten ein Thema. Wohl aber ist er nach weisheitlichem Denken zu der von Gott gestifteten und der Erhaltung der Welt dienenden Ordnung verpflichtet und in sie eingebunden.
Im alten Israel gab es weisheitliche Lehrer, die dies dann alles sammelten. Auch dem König Salomo werden weisheitliche Lehrsprüche zugeschrieben. Wohl aus diesem Grund wurde der Sprüchesammlung, in der unser Monatsspruch steht, auch die Überschrift gegeben: Die Sprüche Salomos.

Es wundert daher nicht, dass in unserem Spruch zunächst kein direkter Zusammenhang mit dem jüdischen oder christlichen Glauben zu bestehen scheint. Er mahnt zu einem achtsamen Zusammenleben mit unseren Mitmenschen und dabei besonders die nicht auszublenden und sich für sie einzusetzen, die aufgrund körperlicher und geistiger Defizite leicht übersehen und benachteiligt werden.

Der Stumme kann das, was ihn bedrückt, bewegt und auch Freude macht, nicht in Worte fassen, kann sich sprachlich nicht mitteilen. Er ist dazu nicht in der Lage. Doch es gibt nicht nur die, die das aufgrund einer körperlichen oder geistigen Einschränkung nicht können. Sondern es sind beispielsweise oft auch die Zurückhaltenden, die von Minderwertigkeitsgefühlen Beherrschten, Ausländer, die unsere Sprache nicht sprechen. Auch Kranke, Trauernde und Traumatisierte sind oft sprachlos und können sich nicht mitteilen. Für die Betroffenen ist es hilfreich und manchmal auch der einzige Ausweg, wenn andere sich ihrer annehmen und das, was sie bewegt, was sie bedrückt und was sie loswerden wollen, an der richtigen Adresse aussprechen, so dass ihnen geholfen werden kann.
Menschen werden aber auch stumm gemacht, indem ihnen das Wort genommen wird, sie nicht ausreden dürfen, ihnen über den Mund gefahren oder ihnen verboten wird, ihre Meinung zu sagen oder über ihr Ergehen zu sprechen. Die Betroffenen empfinden das als Lieblosigkeit und oft in gewisser Weise auch als eine Art der Unterdrückung.
Stumme Menschen, ob solche, die sich nicht mit Worten mitteilen können, oder solche, die sich nicht mitteilen dürfen, sind immer Benachteiligte gegenüber den anderen. Sie brauchen jemand, der sich ihrer annimmt und ihnen hilft, das zu sagen, was sie mitzuteilen und auf dem Herzen haben.

Öffne deinen Mund für das Recht aller Schwachen. So wie wir mit unserem Reden für den „Stummen“ eintreten sollen, so sollen wir es auch für das Recht aller Schwachen tun. Und Schwache gibt es doch überall: in den Familien, im Freundeskreis, an den Arbeitsplätzen, zu Hause, in der ganzen Gesellschaft. Und wir selbst sind es ja manchmal auch. Kinder, behinderte, kranke und alte Menschen sind die Schwächsten unter uns. Schwache bleiben hinter den Erwartungen anderer, der Gesellschaft und von sich selbst zurück. Sie können nicht mehr das leisten, was sie wollen oder sollen. Auf sie wird dann oftmals wenig Rücksicht genommen. Denn sich um sie zu kümmern, erfordert Zeit und Kraft und ist deshalb hinderlich bei der Entfaltung des eigenen Lebens, so sagen viele. Doch schwache Menschen haben immer noch die gleichen Rechte wie alle anderen auch. Sie verlieren sie nicht, werden aber oft so behandelt, weil sie sich nicht dagegen wehren können. Auch die, die sich am Rande unserer menschlichen Gemeinschaft und unserer Gesellschaft befinden und von vielen respekt- und würdelos behandelt werden, haben ein Recht darauf, dass mit ihnen umgegangen wird wie mit jedem anderen Menschen auch. Weil sie alle das aber oft ganz anders erfahren, deshalb brauchen sie einen fremden Mund, der für sie spricht und für sie eintritt, der die Ungerechtigkeiten ihnen gegenüber beim Namen nennt. Der beispielsweise sich auch nicht scheut, öffentlich über Tätlichkeiten gegen solche, die krank oder pflegebedürftig sind, zu reden. Der sich um die Rechte von Kindern und deren Schutz kümmert und nicht schweigt, wenn da etwas schief läuft.
Gott sei Dank berichten die Medien täglich über Menschen, die sich wegen ihrer Schwachheit nicht ausreichend wehren können, auch nicht gegen erlittenes Unrecht und Verletzung ihrer Würde. Und Gott sei Dank gibt es auch sonst zahlreiche Menschen, die da nicht schweigen, sondern auf die Rechte der Schwachen und Hilflosen hinweisen und sie notfalls in der Gesellschaft auch einklagen. Aber es sind immer noch zu wenige, die das tun. So lange es Betroffene gibt, ist es nötig, dass wir alle ihnen durch unser Reden ihr Recht verschaffen, um ihnen zu einem gelingenden Leben zu verhelfen, das für sie sonst meist in weiter Ferne liegt.

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen. Was das heißt, erkennen wir an dem, was Jesus sagte und tat und er uns ebenso auftrug. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst" (Lk 10,27). Diese Botschaft vom Willen Gottes verkündete er nicht nur, sondern er lebte diese Gottes- und Nächstenliebe auch. Die Bibel berichtet darüber in vielen Geschichten. Und wir als diejenigen, die an ihn glauben, sollen es ihm gleichtun, so wie er es seinen Jüngern sagte: „Was ihr getan habt einem von diesen meine geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40).
In solcher Nächstenliebe sollen auch wir leben. Dann kommt zum Ziel auch das mahnende Wort des Spruches: Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen.