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Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. (Hebr 10,24). Diesen Spruch können sicherlich viele Menschen als eine für uns alle hilfreiche Lebenshaltung unterstreichen.
Wir erleben gerade eine Zeit, in der die Menschen sehr ichbezogen, geradezu egoistisch ihre eigenen Lebensziele und Lebensträume zu verwirklichen versuchen – mit wenig Verständnis und mangelnder Rücksicht auf die anderen. Es geht ruppig, roh und rau zu unter uns. Und wer sich da nicht ebenso behaupten kann oder will, wird oft überhört, kommt nicht zu Wort, wird an die Wand gedrückt, manchmal sogar auch auf irgendeine lieblose und auch menschenverachtenden Weise kaltgestellt. Die Menschen gehen viel weniger achtsam miteinander um als noch vor Jahrzehnten. Selbst in Familien gibt es das. Das ist eine traurige Entwicklung.
In Zeiten der starken Einschränkungen in der Corona-Pandemie hegten viele die Hoffnung, dass wir es lernen, wieder achtsamer zueinander zu sein. Denn das brach ja auf einmal hier und da wieder auf. Auch junge Menschen nahmen ihre Mitmenschen mit ihrem Leid und ihren sehr eingeschränkten Lebensmöglichkeiten mehr als sonst in den Blick, halfen auch ganz praktisch und uneigennützig. Doch nun, seitdem unser Leben immer mehr an Normalität gewinnt und ursprüngliche Freiheiten wiederkehren, nimmt die Achtsamkeit wieder ab und damit auch die Achtung der Würde eines jeden Menschen, leider.
Aufeinander Acht haben, die Würde unserer Mitmenschen achten, das ist für ein friedliches Zusammenleben zum Wohl aller unerlässlich. Wir wissen das. Aber es wird doch so sehr missachtet. Gott sei Dank verstummen die Appelle aus den verschiedenen Schichten unserer Bevölkerung und Gesellschaft zu mehr Achtsamkeit zueinander und zu mehr Solidarität untereinander nicht.

Den Spruch für den Monat Oktober könnte man also durchaus auch als Appell in dieser Weise verstehen. Doch der Schreiber des Hebräerbriefes richtet seinen Blick hier nicht auf einen allgemein menschlichen, achtsamen Umgang untereinander. Sondern er spricht hier wie im gesamten Brief Christen in Bezug auf ihr Christsein und ihr Christbleiben an.
Ein Christ und somit ein Kind Gottes zu werden mit der Verheißung, Heil, ewiges Leben zu bekommen, das geschieht heute im Wesentlichen nicht anders als schon damals. Aber ein Christ zu bleiben und so zu leben das ganze Leben lang, was da auch immer kommen mag, das war weder damals noch heute leicht. Oft tritt dann eine gewisse Ermattung ein, Zweifel kommen auf. Der Glaube und das Bekenntnis werden schwach und kraftlos. Das kannte der Briefschreiber auch und wusste, das kann schließlich dazu führen, sich von Christus loszusagen. Er sah darin eine ernste Gefahr für die Christen. Für ihn war klar: Wenn das Ende der Welt mit dem Gericht Gottes kommt, wird alles darauf ankommen, bei Christus zu sein.
Um dieses Wissen drehen sich alle Gedanken des Briefschreibers. Sie sind für uns heute allerdings nicht so geläufig wie z.B. die des Paulus und daher nicht so leicht nachzuvollziehen. Aber die beiden liegen in ihrem grundsätzlichen Denken gar nicht so weit auseinander.
Dass alles darauf ankommt, bei Christus zu sein und zu bleiben, begründet der Briefschreiber z.B. so: „Er (Christus) kann für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie“ (Hebr 7,25). Das Heil, die Seligkeit ist demnach nur durch Christus möglich. Er ist der Sohn Gottes, von Gott als Mittler zwischen ihm und uns Menschen eingesetzt. Und in ihm spricht Gott zu uns Menschen, wie es mehrfach im Brief heißt. Wie aber geschieht das, und was redet er? Nun, im Kern ist das Sprechen Gottes im Geschehen von Christi Tod und Auferstehung wahrzunehmen. Sein Wort ist ein Wort der Gnade, das den Menschen sucht, das vergibt und mit dem er sich dem Menschen in Liebe und unverbrüchlicher Treue zuwendet. So kann der Mensch teilhaben an der unerschütterlichen, ewigen Herrschaft Gottes.

Es kommt also alles darauf an, an Gott, der auf diese Weise in Christus „spricht“, festzuhalten. Und das ist, wie gesagt, nicht immer leicht. Wer als Christ leben will, muss so manchen Spott seiner Mitmenschen einstecken und wird vielleicht sogar ausgegrenzt.
An einen Gott zu glauben, das sei doch längst überholt. Der aufgeklärte Mensch brauche keinen Gott. So hören wir es häufig. Das Klima in unserer Gesellschaft ist nicht gerade christlich geprägt, sondern eher atheistisch und von großer Gleichgültigkeit. Da haben Christen oft keinen leichten Stand mit ihrer Lebenshaltung. Sie fallen aus der Rolle des sonst Üblichen und sehen sich gar oft genötigt, in das „Horn“ der anderen mit hinein zu blasen, damit es ja nicht zu irgendwelchen negativen Konsequenzen für sie kommt.
Zudem gibt es in der Welt so viel Verführerisches, das einen dann regelrecht so in Beschlag nehmen kann, dass nicht mehr nach dem Willen Gottes gefragt wird oder er einem dann egal wird: das egoistische Ausüben von Macht, der Umgang mit Geld, der Konsum von vielerlei, was einem viel Glück, Freiheit und anderes verspricht, aber dann eher das Gegenteil eintritt, usw.
In manchen Ländern werden Christen ihres Glaubens wegen sogar gefoltert und ihnen die Todesstrafe angedroht. Dass nicht alle einem solchen Druck und einer solchen Gefahr widerstehen, sondern schwach werden und am Bekenntnis nicht mehr festhalten, das wissen wir.
Auch Schicksalsschläge oder anderes Schwere können dazu führen, an Gottes Treue zu zweifeln und im Glauben an ihn, im Hören auf seine Verheißung und im Gebet nachzulassen.

Unser Glaube mit seiner Zuversicht, seinem Festhalten an der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes, an seiner Liebe und Treue und mit der Hoffnung, dass Gott die Erwartungen unseres Heils erfüllen wird, all das kommt aus dem Sprechen, aus dem Wort Gottes. Dieses Wort ist geschehen und unverbrüchlich. Und deshalb ist es unerlässlich, sein Wort zu hören und darin nicht nachzulassen. Doch wer schafft das schon allein? Es sind doch so viele andere Stimmen, unter denen sein Wort unterzugehen droht oder die uns für sein Wort taub machen. Und es ist doch so vieles, was uns erlahmen und ermatten lässt. Wir Christen brauchen deshalb dazu die anderen in unserer Gemeinschaft. Wir brauchen uns gegenseitig. Und deshalb appelliert der Schreiber des Hebräerbriefes an die Christen: Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken. Wir tragen diesbezüglich füreinander Verantwortung. Wir wissen doch, wie leicht wir die übersehen, die im Glauben schwach werden und deshalb eigentlich unseren Zuspruch, aber auch unsere aufrüttelnden Worte brauchen: die Erinnerung an Gott, an seine Liebe, an seine Güte, die so oft reich gemacht hat. Das Evangelium mit seinen tröstlichen, stärkenden und gewiss machenden Verheißungen. Den Segen.
Und wie leicht übersehen wir unsere Schwestern, unsere Brüder im Glauben, die tatkräftige Hilfe brauchen, um nicht zu verzagen – im täglichen Leben, in der Kirchgemeinde, in unseren Gruppen und Kreisen. Wir tragen doch Verantwortung füreinander. Daran musste der Briefschreiber damals appellieren. Und in heutiger Zeit ist das mindestens ebenso nötig. Viele Getaufte haben sich von Christus schon losgesagt. Und viele tragen sich –aus welchen Gründen auch immer – mit demselben Gedanken. Ob wir als deren Brüder und Schwestern das verhindern können, wissen wir nicht, aber wir sollten es versuchen und so miteinander umgehen, wie es unser Monatsspruch nahelegt: Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.