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Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus. (2 Thess 3,5)
Dieser Vers aus dem 2. Thessalonicherbrief ist eine Fürbitte für die christlichen Gemeinden in der dortigen Region. Gott möge die Herzen der Christen lenken. Bei ihnen gibt es offensichtlich etwas, was der Verfasser, wohl ein späterer Paulusschüler, für bedenklich hält in Bezug auf ihr Christsein. Und es muss etwas sein, wozu die Hilfe Gottes nötig ist, um es in den Blick zu bekommen und ändern zu können.
Gott bitten für andere, für den rechten Weg und ein rechtes Verhalten zu ihrem Wohl und Heil und das der anderen. Seit jeher tun das Gläubige, z.B. mit der Bitte um gerechte und kluge Entscheidungen von Politikern und Richtern, um Achtung der Menschenwürde in allen gesellschaftlichen Bereichen und in der Wirtschaft, Bitte um segensreiches Wirken aller im Gesundheitswesen, in der Bildung, auch, indem sie bitten, dass die Kirchen erkennen, wie sie am besten den Auftrag ihres Herrn in den sich wandelnden Zeiten erfüllen können usw.

Für die Christen in den Gemeinden damals bat der Verfasser des Briefes hier um zweierlei, dass Jesus Christus, ihr Herr, ihr Inneres hinlenken möge auf die Liebe zu Gott und auf die Ausdauer wie bei Christus.

Dass auch wir diesbezüglich Defizite haben, ist uns klar. Es mangelt uns gar oft an der Liebe zu Gott. Dass wir Gott lieben, geht uns schnell über die Lippen. Aber ist unsere Beziehung zu Gott tatsächlich so stark wie die Liebe? Die Liebe fragt nach dem anderen, nach seinem Willen und wird ihn tun – ganz freiwillig und ungezwungen - aus dem Herzen heraus. Sie zögert nicht, wägt auch nicht ab, ob es sich lohnt. Sie schont sich nicht, sucht nicht das Ihre, sondern setzt sich ein und opfert sich auf. Und dies für Gott! Demgegenüber ist unsere Liebe zu Gott eigentlich schwach, erst recht dann, wenn wir an seiner Güte und Liebe zweifeln, weil es uns beispielsweise nicht so gut geht. Oder auch dann, wenn die Glitzerwelt, die Götzen dieser Welt und die Mächtigen uns vorgaukeln, dass es uns besser geht, wenn wir uns mit ihnen arrangieren und ihnen nachlaufen anstatt uns zu Gott zu halten. Gott will das Beste für uns, das niemals in der Welt erreichbar ist und die Welt auch nicht bieten kann. Gott möchte, dass unser Leben hier und heute gelingt, dass es nicht dem ewigen Tod verfällt, sondern wir in seinem Reich, mit neuem Leben beschenkt, auf ewig geborgen und beheimatet sind. Wer ihn liebt, der ist hineingenommen in diese Gemeinschaft. Doch mit der menschlichen Liebe zu Gott wie mit der Liebe zu Jesus ist es so, wie Jesus es den drei Jüngern im Garten Gethsemane sagte: „Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (Mt 26,41) Sie schliefen ein, anstatt mit ihm in seiner Todesangst zu wachen und zu beten. Der Entschluss, Gott wirklich zu lieben, ist vorhanden, aber zum Vollbringen fehlt dann die Kraft.
Und wir wissen, wo die Liebe zu Gott schwach ist oder gar fehlt, da hapert es auch mit der Nächstenliebe. Beide gehören untrennbar zusammen. Auch das lehrte Jesus - im Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37-42). Er meint damit: Wer Gott liebt, tut seinen Willen. Und dieser ist ganz und gar darauf gerichtet, den Nächsten zu lieben wie sich selbst und barmherzig zu ihm zu sein. An der Liebe zu Gott mangelt es jedoch schon immer unter Christen. Der Verfasser des 2. Thessalonicherbriefes erkannte dies auch bei den dortigen Christen. Worin sich das äußerte, deutete er nur an.

Einen etwas klareren Einblick in die Verhältnisse bekommen wir durch seine Argumentation gegen deren Parole, dass der Tag der Wiederkunft des Herrn schon da sei. Er sah darin wahrscheinlich auch bedenkliche sittliche Folgen dieser enthusiastischen Naherwartung (3,11-13), mit der das Ende von Leid, Bedrängnis und Verfolgung erwartet wurde. Er wendet sich gegen ihre Parole. Und er erinnert sie daran, dass dennoch das Evangelium verkündet werden muss, auch wenn es dabei nicht ohne Konflikte und lebensgefährliche Situationen für die Verkündiger und Christustreuen abgeht. Solche Widerfahrnisse sind also, so können wir aus seinem Brief schlussfolgern, keine Zeichen dafür, dass die Wiederkunft des Herrn gekommen ist, sondern sind normal, wenn die Kirche ihren Auftrag in der Zeit und der Welt erfüllt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Kirche, die den Auftrag ihres Herrn ernst nimmt und daher ihren Weg durch die Zeiten geht, ist oftmals Anfeindungen ausgesetzt. Die Gläubigen müssen sich gegen sie und allerlei Verführerischem wehren, müssen es aushalten und unbeirrt auf Christus warten. Ihr Glaube kann harten Belastungsproben ausgesetzt werden. Die Kirchengeschichte ist bis zum heutigen Tag voll von solchen Berichten. Und vielleicht durchziehen solche Belastungsproben auch unsere eigene Lebensgeschichte. In solchen Situationen ist es gut zu wissen, dass andere für uns um Jesu Hilfe bitten, dass er unsere Herzen hinlenken möge, unbeirrt davon Geduld und Ausdauer aufzubringen und auf ihn zu warten. Geduld, Ausdauer und Standhaftigkeit, so wie er es selbst gelehrt und gelebt hatte.

Es ist also auch für uns heute nicht immer leicht, Gott zu lieben. Es ist auch niemals einfach, standhaft zu bleiben und den Gegenwind in unserer Welt auszuhalten, und auch auszuhalten, dass Kirche schrumpft und kirchliches Leben abnimmt. Gut, dass wir da nicht allein auf weiter Flur stehen, sondern wissen, dass andere für uns bitten, dass der Herr unsere Herzen lenken möge, Gott zu lieben und unbeirrt auf Christus zu warten.