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Einer Frau mit zwei Kindern ist der Mann weggelaufen, weil er eine andere hat. Große Wut darüber, dass seine Liebe nun einer anderen gilt und er das Familienglück und das Vertrauen zueinander so zerstört hat. Die Frau ist untröstlich. Eine Freundin versucht ihr beizustehen und sie zu trösten. „Das ist schlimm, was er euch da antut“, sagt sie. „Doch dass er die vielen Jahre mit euch einfach wegschmeißt, als wäre es nichts, das kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Das wird ihn über kurz oder lang sicher sehr zu denken geben. Deshalb: Wenn´s auch jetzt weh tut, es wird schon wieder. Du musst nur fest dran glauben.“ Die Freundin will trösten und Zuversicht auf einen doch noch irgendwie positiven Ausgang wecken.

„Es wird schon wieder. Du musst nur fest dran glauben.“ Und manchmal wird noch ergänzt: „Du weißt doch, Glaube kann Berge versetzen.“ So oder so ähnlich hören wir es immer wieder, z.B. an Krankenbetten, nach Unglücken oder schweren Schicksalsschlägen. Doch so einfach ist es mit dem Glauben nicht. Die meisten, die das so sagen und denen diese vermeintlich tröstlichen Worte gesagt werden, wissen, dass in einem solchem Glauben nicht die Kraft steckt, auf die man hofft. Und dass es zudem keinen Automatismus in der Art gibt: Je stärker der Glaube, umso mehr tritt Besserung ein. Freilich, manchmal können zwar die eigenen Kräfte beispielsweise zur Heilung und Genesung mobilisiert werden, indem man sich mit aller Energie dagegen auflehnt und dagegen kämpft – nach innen wie nach außen. Aber dass sich das erfüllt, was man sich erhofft, indem man nur fest daran glauben muss, das ist nicht nur trügerisch, sondern kann in eine tiefe Krise stürzen, wie ich es vor etlichen Jahren einmal erlebte.


Eine Prädikantin predigte am Pfingstmontag über die Kraft des Heiligen Geistes. „Da passieren tatsächlich Wunder“, sagte sie. Und dies erläuterte sie vor etwa 30 älteren Gottesdienstbesuchern, indem sie sich dabei selbst als Beispiel nahm. Sie sei lange sehr krank gewesen. Ein Pfarrer habe sie besucht. Er habe einen großen Eindruck auf sie hinterlassen durch seinen Glauben, der ihn manchmal sogar zum Heilen befähigte. Solchen Glauben wollte sie auch für sich selbst. Und so tat sie vieles, um im Glauben zu wachsen. Und je stärker sie glaubte, umso besser ging es ihr, bis sie schließlich geheilt war. „Ja, Glaube kann Berge versetzen. Das ist meine Erfahrung“, sagte sie. „Deshalb“, so ihr eindringlicher Appell an die Gottesdienstbesucher, „müsst ihr nur ganz fest glauben. Dann ist euch selbst Unmögliches möglich. Da weichen auch Krankheiten wie bei mir. Da wird alles gut.“ Nach dem Gottesdienst fragte ich sie, ob sie dabei in die Gesichter der Hörer gesehen hatte. Sie verneinte. Daraufhin ich: „Die meisten guckten traurig drein. Sie müssen ihre Worte niederschmetternd empfunden haben. Denn etliche von ihnen, treue Gemeindeglieder, sind auch nicht gesund, manche schon seit Jahren nicht. Heute haben sie ihnen bescheinigt, dass sie es deshalb nicht sind, weil sie vermeintlich im Gegensatz zu Ihnen nicht genug glauben.“

Ein Vers aus Markus im 9. Kapitel (Mk 9,24), der uns durch das ganze Jahr 2020 begleiten soll, spricht auch vom Glauben. Er lautet: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Das ist ein zunächst merkwürdiger Satz. Wir müssen zum besseren Verständnis die Vorgeschichte dazu hören:
Der Vater eines epileptischen Jungen bat die Jünger Jesu, sein Kind zu heilen. Sie aber konnten es nicht. Keine Macht über diese Krankheit, die damals als Zeichen der Besessenheit mit einem bösen, widergöttlichen Geist betrachtet wurde. Wegen der Ohnmacht der Jünger zogen die vielen Menschen, die das miterlebten, die Schlussfolgerung: Wenn es seine Jünger nicht vermochten, dann ist es mit der Macht ihres Meisters, mit Jesu Macht also, auch nicht so weit her. Jesus erkannte ihre Gedanken und schalt sie als ungläubiges Geschlecht. Denn sie hätten doch an seinem bisherigen Wirken erkennen können, mit welcher Macht er unter ihnen wirksam ist – mit der Macht Gottes, der doch unter allen Umständen Heilung bzw. Heil will. Der Vater fragte Jesus: Wenn du doch etwas tun kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus antwortete ihm: Alles ist möglich dem, der glaubt.
Dieser kurze Wortwechsel zwischen Jesu und dem Vater ist der Schlüssel zum Verständnis. Denn Jesus verweist hiermit eigentlich auf sich selbst. Ihm ist alles möglich. Die Menschen haben es doch bisher erlebt. Ihm ist alles möglich, weil in seinem Wirken kein anderer wirkt als Gott mit all seiner Macht. Diese Macht kann alles verändern und neu machen. Sie kann heil machen, kann Menschen wieder zurechtbringen, kann helfen, der gottwidrigen Macht zu wiederstehen. Sie wirkt gegenwärtig und dann in der Ewigkeit, wo kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird. Solcher Glaube, wie er, Jesus, hat, kann Berge versetzen, denn er hat teil an der Allmacht Gottes. In solchem Glauben kommt die Macht Gottes zur Wirkung. Er ist daher auf keinen Fall eine vom Menschen ausgehende Bewegung auf Gott hin, keine Eigenleistung oder Eigenmächtigkeit des Menschen.
Uns wird nun klar: Keiner von uns hat einen solch perfekten Glauben. Denn ein solcher Glaube überlässt allein Gott voll und ganz seine Gottheit und seinen wie auch immer gearteten Willen – immer. Unser Glaube ist demgegenüber immer nur ein schwacher Glaube, der sich sogar oft als Unglaube zeigt. Er ist unfähig zu helfen, da in ihm die Allmacht Gottes nicht wirksam werden kann.

Hilfe ist dennoch möglich– durch Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Er kam zu uns Menschen als unser Heiland, unser Retter. Er kam in der Vollmacht Gottes. Die alles verändernde und neu machende Macht Gottes zeigte sich in seinem Wirken. Doch die Menschenmenge damals traute ihm solch göttliche Macht nicht zu. Dem Vater des Jungen wird das nun auf einmal sehr deutlich. In seiner Not ruft er Jesus diesen Satz unserer Jahreslosung zu: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Das heißt so viel wie: Ich traue dir, Jesus, solche Macht zu. Hilf du mir, denn mein Glaube ist viel zu schwach, als dass er helfen könnte.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Dies ist eines der tröstlichsten Worte des Neuen Testaments. Wer Glaubenserfahrungen mit Christus gemacht hat, weiß: Wir sind ihm in den Augenblicken wahrscheinlich am nächsten gewesen und haben Hilfe erfahren, wo wir in unserer Not alles Vertrauen auf ihn geworfen haben.

Es kann nur einer helfen, Jesus, der Sohn Gottes. Martin Luther sagt es in seinem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ so: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit´ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.“

Es kann nur einer helfen, Jesus, der Sohn Gottes. Vermessen sind wir, wenn wir auf unsere eigenen Kräfte und Fähigkeiten vertrauen. Wir brauchen uns dann nicht zu wundern, wenn sich das, was uns zu schaffen macht, nicht grundlegend ändert. Unser oft abartiger Glaube an menschliche Fähigkeiten führt, wenn wir sie anwenden, allzu oft in Sackgassen, löst sogar Konflikte aus – in den Wissenschaften, der Ökonomie, der Politik usw. Die Medizin beispielsweise kann lindern und helfen. Aber sie überschätzt sich, wenn sie Gott spielen will, und führt auf Abwege und zu schier unlösbaren Problemen. Politiker überschätzen ihre Macht, wenn sie gottähnlich sein wollen, und lösen Konflikte aus.

Und wir? Auch wir finden aus unseren Nöten, in denen wir nicht mehr ein und aus wissen, nicht selbst heraus. Wir sind in unserer Ohnmacht auf Gottes Macht angewiesen. In seinem Sohn ist er uns gegenwärtig. Wer das erkannt hat und sein ganzes Vertrauen auf Jesus Christus wirft, dem wird geholfen, wie auch immer das aussehen mag. Davon erzählen die vielen biblischen Geschichten über das Wirken Jesu. Das hat auch der Vater des epileptischen Sohnes erfahren, denn der wurde geheilt. Und unzählige Christen bis heute haben ihre ganz eigenen Glaubensgeschichten mit Christus, wo im Zutrauen an seine Vollmacht schier Unglaubliches geschah. Freilich nicht automatisch. Und manchmal scheint sie auszubleiben. Doch wer sind wir, dass wir darauf pochen könnten? Sie kommt, wie er will. Es ist nur wichtig, weiterhin alles von Christus zu erwarten und nicht dem Irrtum zu verfallen, dass es von der Stärke unseres Glaubens abhängig ist.
Ohne Christus bleiben wir gefangen in unserem eigenen schwachen Glauben. Da bleiben Zweifel und Anfechtung, bleiben unsere Hilflosigkeit und unsere Not. Aber unsere Bitte an Christus, Ich glaube; hilf meinem Unglauben!, öffnet die Tür, damit er helfen kann.