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Peter Schneider leitet das Internationale Orchesterinstitut Attergau – 17.-25.8., Seewalchen und Lenzing

One Week, one conductor, one concert - and you! Dieser Einladung folgten 58 Musikstudenten, zwischen 18 und 28 Jahren alt, mit Orchestererfahrung und ausreichenden Deutsch- oder Englischkenntnisse (Teilnahmebedingungen!) Das Internationale Orchesterinstitut Attergau (IOIA – s. unten) unter Leitung seines neuen künstlerischen Leiters Gerhard Marschner ermöglichte ihnen die Arbeit mit Maestro Peter Schneider am Pult und Mitgliedern der Wiener Philharmoniker, die Einzel- und Gruppenproben übernahmen: Helmut Zehetner (Stimmführer 2. Violine), Christian Frohn (Solobratsche), Peter Somodari (Solocello, Wiener Staatsopernorchester), Michael Werba (1. Fagott), Wolfgang Vladar (3. Horn) und Erwin Falk (Pauke). Workshops zum Wiener Klangstil, Ausflüge und ein Konzert für die Sponsoren gehörten ebenso zum Programm wie Fahrt auf dem Attersee.

Als „Zaungäste“ durften wir den Gesamtproben beiwohnen und die „Orchesterwerdung“ der jungen Musiker miterleben.
Sie erwiesen sich als gut vorbereitet. Am ersten Gesamtprobentag (21.8.) ging es vor allem darum, in den einzelnen Gruppen gut auf einander zu hören. Eine größere Herausforderung bestand darin, die Intonationsprobleme (Holzbläser) zu beheben. Aber schon bald wurde die Klangstruktur immer deutlicher erkennbar, weil Akzente beachtet oder manchmal nur durch ein sforzato in der einen andere Stimmen besser zur Geltung kamen. Tempi (Dont hurry!) und Dynamik (Stay piano!) wurden aufgenommen, Punktierungen und Akzente beachtet, ebenso z.B. die häufigen f-p-decrescendi in der Titus-Ouvertüre und andere Vortragsbezeichnungen (z.B. Beethoven, 2. Sinfonie, 2. Satz für Holzbläser espressivo, misterioso) – also „the words of the composer“, wie Peter Schneider sie nannte. Er gab auch Hintergrundinformation zu den Sinfonien, wies z.B. auf typische Ton-Wiederholungen bei Schubert hin, die hier (8. Sinfonie, 2. Satz, Horn) und an anderen Stellen bei ihm den Tod markieren. Er erläuterte ausführlich, wie die Metronomangaben in der Beethovenschen Partitur zu verstehen sind (- 10%!). Vor allem aber ermutigte er die jungen Musiker! Den schüchternen Holzbläsern gelang von Mal zu Mal das solistische Spiel besser, wenn sie die Stimmführung hatten und die voller Begeisterung davon eilenden 1. Violinen nahmen sich mehr zurück. Bei Beethovens 2. Sinfonie gelang es am Ende des Tages dann auch, im Übergang vom 1. zum 2. Satz sofort dessen romantische Atmosphäre herzustellen.

Bereits während der Proben drängte sich mir ein zugegeben sehr subjektiver Vergleich auf.
Beethoven ist in Takt 23 des 1. Satzes im Drama angekommen und durchkämpft es sozusagen „auf der Stelle stehend“ . Schubert (der, als er die 8. Sinfonie komponierte, bereits von seiner unheilbaren Krankheit wusste) beginnt im Wanderschritt und kommt erst im 2. Satz , Takt 67, im Drama an, das bis zur ersten Generalpause überhaupt in Takt 250 im fff kulminiert. Scherzo und Finale sind von ungebremster Bewegungsenergie, sodass ich den Eindruck hatte, Schubert wolle sich abwechselnd ins Vergnügen stürzen (Anklänge an Tanzmusik) und muss dann doch wie getrieben weiter eilen, um seinem Schicksal zu entkommen, das ihm im 2. Satz bewusst geworden ist. Was für Beethovens Rezeptionsgeschichte gilt, nämlich seine Kunst als Überlebenshilfe zu verstehen, muss– bei aller Unterscheidung von künstlerischem und biographischem Subjekt - auch für Schubert gelten.

Zur Orchestererfahrung gehört auch die des Lampenfiebers vor dem Konzert am 24. August im Kulturzentrum Lenzing, das jeder auf seine Weise zu bewältigen versuchte: mit langer Einspiel-Phase, Rauchen, Reden, Laufen…Doch dann entlud sich die pure Energie, die Mozart, Beethoven und Schubert in ihre Werke einkomponiert haben, in Klang. Das Gros der Musiker wollte es zwingen, Wille und Energie waren da, um das Beste zu erreichen. Einer mozartisch sprühende Titus-Ouvertüre folgte Beethovens 2. Sinfonie. Schon der 1. Satz leidenschaftlich gespielt, grollende Läufe, wachsendes Aufgebehren, sich immer wieder in ff entladend. Im 2. Satz die anrührende Lied-Melodie der Streicher und wunderbare Entfaltung des hellen A-Dur; das Scherzo mit auffallendem Echo-Effekt durch schroffes Nacheinander von f und p und Trio-Tanzmelodie, der 4. Satz voller Kontraste und Spannungen, Bläsereinbruch und folgender „Schrecksekunde“ – alles frisch und mit großer Freude am Spiel vorgetragen.

Von der nachhaltigen Wirkung der 8. (großen C-Dur) Sinfonie Franz Schuberts bin ich selbst überrascht worden. Auch wenn ihre „himmlischen Längen“ (R.Schumann) etwas gekürzt worden waren: ihre Lebendigkeit hat das nur noch intensiviert. Das Tempo ist insgesamt herausfordernd, v.a. im 4. Satz war es pure Freude, zu erleben, wie dieses Orchester mit elektrisierender Kraft voranstürmte. So viel Energie – am Pult und im Orchester! Und zugleich die Sensibilität für Klänge, die wie im 2. Satz, T. 148ff. aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Robert Schumann bemerkte zu dieser Stelle, „hier lausche alles, als ob ein himmlischer Gast im Orchester herumschliche“. (Schumanns Essay zur Großen C-Dur-Sinfonie ist abgedruckt u.a. in: Josef Häusler (Hrsg.): Robert Schumann. Schriften über Musik und Musiker. Reclam, Stuttgart 2009. S. 174-180). Die sprudelnde Motorik des Scherzo, die großen C-Dur-Finalakkorde und ihr schlichtes Verlöschen in den letzten Takten – das war großartig.

Die universale Sprache Musik hat die jungen Künstler, die einander sonst vielleicht nie begegnet werden, zu einem Ganzen verbunden. Der Gewinn, den sie aus ihrer Arbeit mit Maestro Peter Schneider bekommen haben, war deutlich hörbar und wurde zum Gewinn für die Zuhörenden.

 

 

International Orchestra Institute Attergau (www.ioia.at)

Das Institut steht unter der Patronanz der Philharmoniker und wurde von Wolfgang Schuster, einem langjährigen Mitglied der Wiener Philharmoniker, 1993 ins Leben gerufen. Im Herbst 2013 wurde Gerhard Marschner, 30, (Stimmführer Viola) als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer gewählt. Der sogenannte Wiener Klangstil ist seit Anbeginn des IOIA ein zentrales Thema des Orchesterkurses, daher pflegt das IOIA eine enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Wiener Klangstil der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien http://iwk.mdw.ac.at. Dozenten sind ausschließlich Mitglieder der Wiener Philharmoniker, die Studenten mit den Besonderheiten des Wiener Klangstils vertraut machen.