Es gibt doch noch Neues unter der Sonne! Zumindest, was den Venusberg betrifft. Meinte ich noch, schon alles gesehen zu haben - das rüschige Boudoir (sehr oft!), die pure Rotlichtszene, aber auch eine Venus im Tierkäfig (Baumgarten, Bayreuth), als männermordender Vamp in einer riesigen goldenen Schale (die Dresdner sagten „Suppenschüssel“ dazu) und in einem Berg von Fleisch (aktuelle Münchner Inszenierung von R. Castellucci) - so wurde ich von Maximilian von Mayenburg eines Besseren belehrt.

Als sich der Vorhang zum Baccanal öffnet, starre ich ungläubig auf kugelrunde, große, rot geäderte Eier. Plötzlich zuckt es in einem Ei und es beginnt ein Schlupfvorgang, nach und nach auch in den anderen zehn oder zwölf. Dazwischen sitzt Venus (Sayako Shigeshima) in einem weiten, roten, mit Rosenapplikationen verzierten Rock und schaut mit seligem Lächeln zu. Sie schlüpfen - und wie sie schlüpfen! Mit welcher Mühsal und Grazie zugleich sie sich der Latex-Eihüllen entledigen, dafür verdient die Statisterie besonderen Applaus! Schade, dass ich darüber die Musik gar nicht mehr wahrgenommen habe, ihr Pulsieren, ihr e fiebrige Sinnlichkeit und ihre prickelnde Erotik.
Die androgynen Wesen kriechen dann unter den weiten Venus-Rock und vergnügen sich dort sichtbar pulsierend.

Nicht zuerst Johannes Schaafs solide Inszenierung, die ich kurz nach der Premiere im Februar 2009 erstmals sah, war Anlass zu einem erneuten Besuch in Dresden. Sondern die Neugierde, ob Ludovic Tézier, dessen anrührender Werther (Wien 2012,2017), wunderbar schwermütiger Rodrigo (Don Carlos, Wien, 2013,2016), edler wie routinierter Don Giovanni (Wien, Januar 2018) mir in nachhaltiger Erinnerung sind, Scarpia sein kann? Die Übertragung der von Michael Sturminger für die Salzburger Osterfestspiele inszenierten „Tosca“ bot einen Vorgeschmack. Es dürfte für Ludovic Tezier die erste und hoffentlich einzige Inszenierung gewesen sein, in der er als Sterbender im 3. Akt zu erscheinen hat.

Dem Applaus nach zu urteilen ist Anette Leistenschneider ein Glücksfall für die Inszenierung dieser leider recht selten zu sehenden Oper, sie ist vielleicht sogar ein Glücksfall für das Nordhäuser Theater, an dem sie seit knapp einem Jahr Operndirektorin ist.
Wie sie „Zar und Zimmermann“ inszeniert, ist jedenfalls sehenswert. Szenisch ist alles ständig im Fluss, was bei einer Spieldauer von 1h 45min für den 1.und 2.Akt bis zur Pause wichtig ist. Über manche Längen half das von ihr überarbeitete und mit sehr viel Witz und Ironie aufgepeppte Libretto hinweg.

Das Bühnenbild, ein Schiffsrumpf, der sich öffnen lässt und dann Einblick in einen Salon gewährt, in dem Zar Peter (Yoontaek Rhim) für sich alleine ist. In diesem Raum offenbart er Charaktereigenschaften, die er sonst nicht zeigt: seine Aggressivität - er läßt das Weinglas in seiner Hand zersplittern („Verraten! Von euch verraten...“), aber auch seine Kampfeslust. Zur Arie „Sonst spielt ich mit Zepter...“ entnimmt er einer Truhe Kinderspielzeug: Soldaten und von ihnen getroffene Gegner, und stellt sie zur Schlacht auf. Das wirkt! Der Sänger überzeugt mit rundem Bariton, guter Aussprache und starker Bühnenpräsenz. Der andere Peter, Peter Iwanow (Marian Kalus), war trotz seiner properen und schönstimmigen Marie (Miriam Zubieta). die einen Tick zu ourtriert spielt, und dem Auf und Ab in der Beziehung beider von Anfang an in der schwächeren Position, nicht nur stimmlich. Übrigens hatte die Regie vorsorglich der Introduktion des 1. Aktes eine kurze Sprechszene vorangestellt, damit das Publikum wusste, welcher Peter welche Bedeutung hatte.

Joachim Lange (nmz, 30.3.18) titelt seinen Premierenbericht „Im Trockendock“ und meint damit den dunklen, U-förmigen Bühnenraum, mit seinen steil hochgezogenen dunklen Bretterwänden, der schmalen Eisentreppe und winzigen Luken. Es könnte, meint er wenig später, genauso gut ein imaginärer Innenraum sein.
Und schon hat er den Schlüssel zum Verständnis der Inszenierung von Guy Montavon, Intendant des Theaters Erfurt, in der Hand. Sentas Seelenraum ist karg, ihre Wünsche und Ängste hat sie mit Kreide an die Wände gekritzelt: Satan, Ewigkeit, Hoffnung, Liebe - und immer wieder Erlösung, Treue. Dass sie, in deren innerpsychisches Erleben wir 3 Akte lang blicken, logischerweise von Anfang an auf der Bühne präsent sein muss, ist nur folgerichtig. Auch, wenn das im 1. Akt hin und wieder zu irritieren oder auch nur abzulenken vermag. Ab dem 2. Akt passt es (fast) und überzeugt (weitgehend).

Wenn sich der Vorhang öffnet, ist Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) bereits in Aktion, facht das Feuer an, und schmiedet an einem Schwert, obwohl aus dem Orchester der Wiener Staatsoper etwas anderes erklingt: die „Grübel-Terzen“, Ausdruck seiner Sorge, ja Not mit Nothung. Da fließen sogar Tränen. Der Spaß beginnt spätestens mit dem Auftritt von Siegfried (Stefan Vinke), der, quasi von Null auf 100 springend, in seinem 9. Takt bereits das d‘‘ mühelos heraussingt. Es ist immer eine Freude, wenn ein Tenor keine Mühe mit seiner Rolle hat. Hier sind es gleich zwei, die stimmlich bestens miteinander harmonieren und mit sichtlichem Spaß agieren. In dem eher langweiligen Bühnenbild mit den 12 „Arbeitsplätzen“ zünden sie ein geradezu ein Feuerwerk. Mimes klarer, kräftiger Charaktertenor, stets wortdeutlich, kann jammern und zicken, jauchzen und zwicken, jaulen und meckern, schmeicheln und giften. Letzteres freilich zunächst wenig, selbst wenn er sich im Finale des 1. Aktes in Rage singt, bleibt er fast sympathisch in seinem vielsagenden Kostüm (über dem Arbeitsoverall, auf dem die Eisenspäne blitzen, trägt er einen Tigerfellmantel).