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Das ist Wagner „zum Anfassen“! Schon nach dem ersten Ton, dem Es der Kontrabässe, dessen Vibration im Parkett auch physisch spürbar ist, verabschiede ich mich innerlich von allen klugen oder gar philosophischen (Regie-)Konzepten. Die Musik überwältigt in ihrer Plastizität und Anschaulichkeit. Habe ich es früher nur noch zu hören verstanden? Das Staatsopernorchester entwickelt unter der Leitung von Peter Schneider vom Fließen und Wogen bis zur Apotheose der Götter einen nie nachlassenden Sog, der sich nicht zuletzt durch die Orchesterzwischenspiele von Szene zu Szene verstärkt. Warum ausgerechnet Alberich das Rheingold enthüllt? Sei‘s drum! Das Rheingold glänzt im wogenden Wasser Sonnenstrahl und der Jubel darüber reicht bis zu Woglindes c‘‘!

Nicht die Götter sind es, die mir an diesem Abend in ihrer Rollengestaltung nachgehen und nahe kommen, obwohl sie in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf ernst genommen werden – was bei solchen Luxusstimmen wie Markus Eiche (Donner) und Jörg Schneider (Froh), ebenfalls bei den Damen Mihoko Fujimura (Fricka) und Caroline Wenborne (Freia) ja wohl gar nicht anders geht!

Es sind Alberich und Loge, die, wie mir scheint, auch musikalisch spannender komponiert sind. Loge ist musikalisch präsent, bevor er auf die Szene tritt. Der Feueralb, der Elementargeist, zeichnet sich durch Bewegung und Intelligenz aus, was Norbert Ernst großartig darstellt. Welcher Körperbeherrschung bedarf es, so leichtfüßig zu springen, zu rollen zu klettern, gar zu kriechen?! Den Tonraum durchmisst er chromatisch und man hört dabei sein Changieren, sein Trügen, sein Necken (nebenbei heizt Loge die Speere der Riesen so auf, dass sie sich die Hände verbrennen). Positiv überrascht hat mich bei Norbert Ernst der Ausdruck der Wut, mit der er auf die Zurücksetzung durch Freia (sie kargte ihm knausernd die köstliche Frucht!) reagiert: „halb nur so echt nur bin ich wie, Selige, ihr!“ und sein im Finale ins Publikum geflüstertes (!) „Wer weiß was ich tu“! Toll!

Ebenso Alberich (Jochen Schmeckenbecher). Wenn er die Liebe verflucht, ist zwar noch der Schmiederhythmus hörbar, aber man bekommt schon eine Ahnung, dass er seine Kraft aus dem Schmerz heraus gewinnt. Die Inszenierung zeigt nicht nur, dass Alberichs Macht schmerzhaft für andere ist, sondern auch für ihn selbst! Er hat die Kraft des Ringes nicht im Griff, immer wenn er ihn einsetzt, die Nibelungen zu unterwerfen, wirft es ihn selbst hin.

Aber seine für mich großen „Gänsehaut“-Stellen kommen erst noch. Bei der Verwandlung in Wurm und Kröte komponiert Wagner den Wechsel von as-moll und fes-moll (!) im pp, benutzt Tonarten, die in sich keine Verbindung haben, um zu zeigen, wie der Träger des Tarnhelms verschwindet – in der leeren Quinte.

Wenn Alberich dann gebunden liegt und sein „Ha! Zertrümmert! Zerknickt! Der Traurigen traurigster Knecht!“ hervorstößt, gibt es bei mir einen kurzen Moment des Mitleids, doch der verfliegt sofort, wenn Jochen Schmeckenbecher mit höchster Intensität seinen Fluch über den Ring singt. Das umgekehrte Ring-Motiv hat die unglaubliche Kraft seines ohnmächtigen Hasses. Dazu ist die Szene unwirklich beleuchtet, ein diffuses, gelb-trübes Licht erinnert an eine Sonnenfinsternis. Als ob sich sein ganze Bösartigkeit (Tritonus im Bass) verdunkelnd vor die Sonne schiebt.

Als der - sogar physisch erkennbar gebrochener Nibelung - geht, besteht die vergiftete Atmosphäre fort und wirkt. Wotan gibt den Ring, das letzte nötige Teil zur Lösung von Freia nicht her. Da bricht in die orchestral sich steigernde Aufregung eine neue Welt ein. Erda (grossartig Okka von der Damerau) taucht auf und die Götterwelt erstarrt in mystisch blauem Licht. Wie weit diese Welten entfernt sind, drückt Wagner durch zwei einander sehr ferne Tonarten aus: Erdas cis-moll und Wotans Des-Dur. Krasser kann Entfernung kaum sein. Zugleich fasziniert Erdas Welt Wotan sehr! Donner und Froh müssen ihn von der Stelle, von der sie verschwand, mit Kraft zurückhalten.

Die Zwischenvorhänge helfen, konzentriert auf die Orchestervorspiele zu hören. Ob Wagner beim Übergang zur 2. Szene an einen Wasserwirbel gedacht hat, der nach oben reißt, bevor er das Orchester weihevoll das Aufwachen des schlafenden Götterpaares begleiten lässt und uns die fertige Burg tonal vor Augen stellt? Die Verwandlungen zur 3. und 4. Szene prägt das Getöse der Ambosse, der Schmiederhythmus bleibt lange im Ohr, aber auch Alberichs Klage und Loges Motive mischen sich darunter. Schließlich ist Loge hier der Sieger, Alberich die Beute.

Im Ganzen sind durchweg sehr erfreuliche Leistungen der Sänger zu konstatieren. Wotan (Thomas Johannes Mayer) sind im „Rheingold“ musikalisch nur kurze Phrasen zugedacht, oft auch unbeherrschte Ausbrüche. Gesangliche Entwicklung ist da wenig möglich. Seine Stimme klingt oft weich, mir fehlt etwas markante Sonorität. Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) scheint indessen die Rolle stimmlich auf den Leib geschrieben. Unter den Rheintöchtern (Woglinde Hila Fahima, Flosshilde Zoryana Kushpler))fiel mir doch die besonders schönstimmige und bestens verständliche Wellgunde (Stephanie Houtzeel) auf.

So einen schönstimmigen Fasolt wie den von Jongmin Park, der kraftvolles Forte ebenso kann wie verliebte Piani, habe ich lange nicht mehr gehört. Fafner (Sorin Coliban) kam daneben weniger zur Geltung.

Im Finale gelingt Peter Schneider noch einmal eine Steigerung. Das Schwert-Motiv bricht hell heraus und führt gedanklich schon zur Walküre hinüber. Musikalisch wie szenisch überzeugend ist der Übergang der Götter in die Transzendenz des Ges-Dur, die Apotheose, hier mit dem schlichten Mittel eines sich hebenden Podestes hinter einem halbdurchsichtigen hellen Vorhang überzeugend umgesetzt.

Großer Jubel für das Orchester und den Dirigenten! Welch eine Leistung, über 2 h 43 min die Spannung nicht nur zu halten, sondern weiterzuentwickeln und punktuell immer wieder bis kurz vor das Zerreißen (z.B. kurz vor Erdas Erscheinen) zu führen, um uns schließlich mit den Göttern zu erheben.