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Nicht zuerst Johannes Schaafs solide Inszenierung, die ich kurz nach der Premiere im Februar 2009 erstmals sah, war Anlass zu einem erneuten Besuch in Dresden. Sondern die Neugierde, ob Ludovic Tézier, dessen anrührender Werther (Wien 2012,2017), wunderbar schwermütiger Rodrigo (Don Carlos, Wien, 2013,2016), edler wie routinierter Don Giovanni (Wien, Januar 2018) mir in nachhaltiger Erinnerung sind, Scarpia sein kann? Die Übertragung der von Michael Sturminger für die Salzburger Osterfestspiele inszenierten „Tosca“ bot einen Vorgeschmack. Es dürfte für Ludovic Tezier die erste und hoffentlich einzige Inszenierung gewesen sein, in der er als Sterbender im 3. Akt zu erscheinen hat.

In Dresden erlebe ich Tézier als einen geradezu magischen Scarpia. Schon wie er das ihm im 1. Akt zugedachte Accessoire - eine kurze Peitsche mit silbernem Griff, gezielt einsetzt und wie er das „Va, Tosca“ in der Gewissheit seiner Macht und seines Sieges mit einem derart zynischen Ausdruck geradezu „ausspuckt“, macht einen schaudern.
Scarpias Charakter wird in den ersten Takten der Oper mit einem Motiv eingefangen, das - wohl überlegt - ausdrucks- und aussagestark ist: drei mächtige Akkorde in B-Dur, As-Dur und E-Dur folgen direkt aufeinander, im Bass ist der Tritonus enthalten, der „diabolus in musica“. Diesen Diabolus spielt Tézier zunächst äußerlich kühl, mit einer Mischung aus Galanterie und Perfidie, zuletzt in rasender Glut und doch nie die Kontrolle verlierend. Johannes Schaaf beschreibt es als „Dreikampf“ (Programmheft, S.8), den Scarpia gegen Cavaradossi, gegen Tosca und vielleicht gegen sich selbst führt.
Keine Frage, Tézier überwältigt auch als Sänger. Nirgendwo ein Forcieren, um die Bestie zu markieren, stattdessen ein facettenreicher, zu großer Fülle sich steigernder Bariton – Schönheit des Bösen, ein Paradox der Oper.

Die Bühne (Christof Cremer) prägen Kontraste, graue, wandlungsfähige Betonelemente, die sie in abstrakte Räume gliedern, mit Schrägen, Ebenen, Rampen, die Freiraum für das Spiel der Beziehungen geben. Die Farbsprache der Kostüme (Petra Reinhardt) könnte klarer nicht sein: Tosca im 1. Akt die Lichtgestalt in Weiß, Scarpia in schwarzem Mantel. Tosca im 2. Akt sein Todesengel in Schwarz, Scarpia im glutroten Gehrock.

Das Stück braucht nicht viel Bild, die Musik ist bildhaft genug. Trotz (oder wegen?!) kontrolliertester Gestaltung klingt unter Christian Thielemanns Leitung vieles neu, lässt aufhorchen. Nicht nur, das Puccini auch witzig komponiert hat - nämlich das putzige Agieren des Mesners ist komponiert, sein Trippeln, seine Beflissenheit, seine Zeichen von Überforderung.
An den Stellen, an denen es sein muss, peitscht Thielemann das Drama hoch, an anderen Stellen zelebriert er mit der Sächsischen Staatskapelle die Musik und lässt uns genießen. Diese Musik atmet mit den Emotionen. Die werden ausgekostet, auch von ihm selbst. Stellen, die sonst vorüberhuschen, z.B. vor „Ma falle gli occhi neri!“ werden zu Höhepunkten, erst recht Toscas Dialog mit am Ende des 1. Aktes, deren wachsende Eifersucht zu einem Aufschrei mit Orchester „Tu non l’avrai sastera“ explodieren lässt.
Die drei Finali: Das erste natürlich bombastisch - das Orchester spielt „tutta forza“. Das Finale des 2. Aktes meine ich, nie zuvor so gehört zu haben, es endet geradezu ratlos, verwirrt wie Tosca selbst, die Scarpias Leiche immer wieder fixiert, sich schwer lösen kann. „Or gli perdono!“ Was dann folgt, ist ein Trauermarsch, der mit Scarpias verhallendem Motiv in e-moll endet.
Überhaupt gelingt der 2. Akt in einer unglaublich musikalischen Dichte. Die lange Generalpause vor „Vissi d’arte...“ habe ich in der Partitur so nicht gefunden, aber sie macht Effekt. Gleiches gilt für die nach „E avanti a lui tremava tutta Roma!“.

Adrianne Pieczonka ist zweifellos auf dem Höhepunkt ihrer Karriere - eine Tosca, die am Gipfelpunkt angekommen ist und jederzeit überzeugt. Sie spielt nicht, sie ist diese berühmte Sängerin, die Puccini mit so viel Emphase und Leidenschaft, Zartheit und Liebe zeichnet. Alles, alles steht ihr in manchmal blitzschnellem Wechsel sofort zur Verfügung, jede Geste, jeder Ton ist natürlich. Der Szenenapplaus nach „Vissi d’arte“ (auch vom Maestro am Pult) war heftig, ebenso die standing ovations am Ende.
Leider, leider bleibt ihr Partner Aleksandrs Antonenko, der schon die Premiere gesungen hat, manches schuldig. Thielemann, der besonders auf ihn fixiert scheint, hebt ihn über jede Klippe, lobt nach dem ersten Spitzenton sofort. Dennoch fällt es mir schwer, ihm den souverän Liebenden und Leidenden abzunehmen, der er in den beiden ersten Akten sein möchte. Wirklich gut ist er im letzten Duett mit Tosca im 3. Akt, da setzt er nicht Kraft, sondern Ausdruck ein und kommt mir als zitternder, großer Junge um vieles näher als der manchmal doch eher unbeholfene Liebhaber.
Dieser 3. Akt beginnt mit einem Hornruf, dessen Motiv seine Bedeutung in eben diesem letzten Duett hat. Wenig später hört man in der Morgenstimmung die Glocken verschiedener Kirchen, nah und fern. Das war so zauberhaft musiziert und dynamisch effektvoll arrangiert (einige Glocken erklangen aus einer Proszeniumsloge im 2. Rang), wie ich es noch nie gehört habe!
Das Kind auf dem Berg von Schuhen vermag immer wieder neu zu berühren. Es ist nicht der Gesang, es ist das Wissen, da hütet ein Kind (Hirte!) die letzten Dinge von vielen hier ermordeten Menschen. Spätestens, als Cavaradossi seine Schaftstiefel dazulegt, bevor er sich an die Hinrichtungswand stellt, gehört dieses Bild zu den unvergesslichen der Inszenierung.
Thielemann wählt recht langsame Tempi vor „E lucevan le stelle...“, doch bevor Antonenko zu singen beginnt, hat die Klarinette mit einer unendlich melancholischen Melodie schon alles erzählt.
Dann der Aufschrei des Orchesters beim Eintreffen von Tosca. Starkes finales Bild: Tosca steht auf der Mauer, bei „O Scarpia, avanti a Dio!“ fällt ein seidig glänzendes, weißes Band (ein Zeichen für Gottes Vergebung?!) vom Himmel herunter – Tosca steht noch kurz - wie ein Schatten - davor und springt. Das finale es-moll macht die Tragik des Schwellenüberganges hörbar.
Neben den Protagonisten zeigen Martin-Jan Nijhof (Angelotti), Matteo Peirone (Mesner), Tom Martinsen (Spoletta), Tilmann Rönnebeck (Sciarrone), Alexandros Stavrakakis (Schließer) und der vom Dirigenten mit einem erhobenen Daumen belobte Kruzianer Morten Graßau ebenso gute Leistungen wie Staatsopernchor und Kinderchor. Langer, begeisterter Applaus.